Lemur

© UrbanTreeMedia
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Herr von Grau ist Geschichte. Es lebe Lemur. Nachdem sich Benny Anfang 2014 von seinem Mitstreiter Kraatz trennte, ist er nun auf Solopfaden unterwegs und nennt sich Lemur. Was kaum jemand je mitbekommen hat: Benny war nicht nur für Text und Raps verantwortlich, sondern auch für die Beats. Das ist er auch immer noch und nimmt sich nun zusätzlich noch selber auf, übernimmt das Mixing und startet sein neues Album mit einem schelmischen „Ich höre auf mit Rap, er zerfrisst mir meine Nerven und Gedärme“. Na das kann ja heiter werden!

 

„Geräusche“ ist ein konsequentes Nicht-Erfüllen-Wollen von Erwartungen: wo Refrains stehen müssten, suchen sich die Tracks gerne einen ganz eigenen Weg, Songs brechen plötzlich ab, Beats wandeln sich an den seltsamsten Stellen. Dazu wird es oft herrlich absurd: üble Hasstiraden schwimmen auf fluffig-leichten Jazz-Beats („Eine kleine Hassmusik“), es gibt einen Track über einen Keks („KKK“) oder schrullig-schiefe Country-Anleihen, die am Ende in rassigem Ballermann-Techno verpuffen („Befehlskette“). Das ist oftmals bitterböse ironisch und dabei ungemein tight sowie reimtechnisch bis ins kleinste Detail ausgetüftelt. Alles kann bei Lemur zu einem Text werden. Und so gibt es auf dieser Platte Lieder über Lebensabschnitte, den hinterfotzigen besten Freund, stotternde Superhelden, Hart-Sein, den absoluten Hassmenschen, Lebensnotwendiges, die stressenden inneren Kinder, viel zu lange Afterhours, das Verprügeln von Obst und Gemüse, akustische Abenteuer und jede Menge ungeschönte Selbstreflektion. Denn das Leben ist bekanntermaßen nicht immer nur Rumgeblödel und Ironie.

 

Beats und Lyrics entstehen bei Lemur meist parallel und werden im Laufe der Produktion zu einer größtmöglichen Einheit verschmolzen. Ein Sample gibt vielerorts das Fundament, das am Ende ein Gebäude aus tausend und einem Sound trägt. Ein paar Anleihen an Bonobo, Portishead und Flying Lotus hier, ein bisschen Mobb Deep, Masta Ace, 90er Hip-Hop oder Drum+Bass à la DJ
Teebee da - und am Ende klingt alles wie immer nach 100 Prozent Lemur. Auf „Geräusche“ krachen zwei Welten kontinuierlich aneinander: die des klassischen 90er Jahre Boombaps und die der knarzigen Elektronik. Benny ist in beiden gleichermaßen zu Hause und bastelt aus ihnen seit jeher seinen ganz eigenen Sound.


Wer bei „Geräusche“ ein weiteres Herr von Grau-Album nur unter neuem Namen erwartet, wird enttäuscht sein. Denn das hier ist Lemur. Und Lemur verfolgt noch viel konsequenter seine ganz eigene Soundvision. Wer aber die komplette Abkehr von Klasse- Platten wie „Heldenplätze“ oder „Freiflug“ erwartet, liegt ebenfalls daneben. Nur dass die Tracks gereifter und eben radikal eigenständig klingen. Es ist schlichtweg gut, dass Benny nach kurzer Neujustierung wieder am Start ist und nach wie vor keine Lust hat, an ihn gestellte Erwartungen zu erfüllen. Aus welcher Richtung auch immer.

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